Zeichen des Friedens in die Welt tragen

„Dona nobis pacem“ – zu Deutsch: „Gib uns Frieden“, singt Grazia Balzer seit 2014 immer dienstags um fünf vor zwölf auf dem Marktplatz. Viele Menschen schließen sich ihr regelmäßig an.

Etwa 30 Menschen singen regelmäßig „Dona nobis pacem“ auf dem Bad Mergentheimer Marktplatz. © Florian Hartmüller (Fränkische Nachrichten)

Zuerst ist es nur eine kurze Reihe, die dann aber immer länger wird. Mehr und mehr Leute schließen sich an. Die Reihe krümmt sich. Am Ende stehen fast dreißig Menschen im Kreis und singen den lateinischen Kanon „Dona nobis pacem“. Auf Deutsch heißt der Text etwa: „Gib uns Frieden“. Und das ist auch das Ziel des gemeinsamen Gesangs, der seit mehreren Jahren an fast jeden Dienstag ab 11.55 Uhr auf dem Bad Mergentheimer Marktplatz erklingt. „Ich möchte das Lied in die Welt hinausschicken“, erklärt Grazia Balzer, die die Aktion initiiert hat.

Jeder kann mitmachen. Balzer hofft, dass andere die Idee aufgreifen und verbreiten. „Wenn immer mehr Menschen, egal welcher Herkunft oder Religion, innehalten, um gemeinsam dieses Lied zu singen, dann gibt es auch immer mehr Momente des Friedens.“

Bericht als Auslöser

Die 65-jährige hat die Gesangs-Aktion in ihrer Heimatstadt Bad Mergentheim 2014 ins Leben gerufen. Auslöser war ein Erlebnis im Urlaub in Italien. Dort sah sie im Fernsehen einen Bericht über einen französischen Wanderer, der vom Islamischen Staat gefangen genommen worden war. Da die französische Regierung sich geweigert hatte, Lösegeld zu bezahlen, war der Wanderer von den Terroristen geköpft worden. Dadurch sei ihr wieder einmal richtig bewusst geworden, welche schlimmen Dinge Menschen einander antun, erzählt Balzer. Abends sah sie dann den Film „War Horse“, in dem es um ein Pferd geht, das im Ersten Weltkrieg für einen kurzen Moment des Friedens zwischen britischen und deutschen Soldaten sorgt.

Diese Eindrücke hätten sie sehr aufgewühlt, erzählt Balzer. Sie habe den Wunsch gehabt, etwas für Frieden und Versöhnung in der Welt zu tun. Im Bett habe sie dann spontan mehrmals „Dona nobis pacem“ gesungen, das sie in der vierten Klasse gelernt hatte.

Am nächsten Morgen beschloss Balzer, sich nach ihrer Rückkehr in Bad Mergentheim auf den Marktplatz zu stellen und das Lied zu singen. Gesagt, getan. Seitdem steht sie mit wenigen Ausnahmen jede Woche vor dem östlichen Zwillingshaus und singt. Etwa 25 bis 30 Leute schlössen sich ihr regelmäßig an, erzählt Balzer. Mal seien es auch nur fünf, mal 80. Oft ist eine Trompeterin darunter.

Glocken läuten

Als später um 12 Uhr die Glocken des Münsters läuten, verstummen die Sänger und nehmen sich an den Händen. Die Gruppe ist bunt gemischt. Viele Senioren sind darunter, aber zum Beispiel auch eine junge Frau mit Kinderwagen.

Fast von Anfang an dabei ist Erika Karle. Die Seniorin, an deren Rollator vorne ein bestickter Wimpel mit der Aufschrift „Porsche“ angebracht ist, bringt die Bedeutung der Friedensaktion auf den Punkt: „Wenn mehr Menschen im Kanon singen, ist es besser als wenn sie mit Kanonen aufeinander schießen.“

Eine Bekannte aus Elpersheim, die seit zwei Jahren in Rente ist, berichtet, dass sie fast jede Woche mit dem Zug in die Kurstadt kommt, um mitzusingen. „Man liest und hört so viel Schlimmes. Ich möchte ein Zeichen dagegen setzen“, erklärt sie ihre Motivation. Auch Eugen Erbacher, der in Bad Mergentheim in verschiedenen Ausschüssen der katholischen Kirchengemeinde engagiert ist, gehört zu den treuen Sängern: „Man muss den Glauben leben“, ist er überzeugt.

Initiatorin Balzer ist ebenfalls Katholikin. Anfangs kam sie immer in einer Pause von dem Eiscafé, das sie mit ihrem Mann in der Nähe betrieb, herüber auf den Marktplatz, um zu singen. Seitdem der Sohn das Geschäft übernommen hat, bleibt ihr mehr Zeit, um sich für Frieden zu engagieren.

Kleines Büchlein

Inzwischen hat Balzer eine CD aufgenommen, auf der sie „Dona nobis pacem“ singt. Auch die Münsterglocken sind darauf zu hören. Zu der CD hat Balzer ein kleines Büchlein geschrieben, in dem sie Idee und Entstehung des Mergentheimer Friedenssingens erklärt. Dieses Büchlein will Balzer in mehrere Sprachen übersetzen lassen, um ihre Botschaft wirklich in die ganze Welt tragen zu können.