„Absolute Niederlage?“

Gedanken von Pfarrer Ulrich Skobowsky

Eigentlich waren ja die Gedanken zum vergangenen Sonntag als letzter „Hirtenbrief“ gedacht. Und nun: schon wieder ein Wochenende ohne Gottesdienste. Warum klappt es dann bei anderen? Warum sind „die Evangelischen“ schneller? Die Verantwortlichen in Pastoralteam und Pfarrbüro haben zurzeit eine beispiellose Materialschlacht zu bewältigen. Und beschäftigen sich neben der üblichen Arbeit, die oft nicht weniger ist als bisher (vor allem wenn per Internet noch Schüler zu betreuen sind), mit Schutzkonzepten und der Zumutbarkeit von Haftungsfragen, Mund-Nasen-Schutz und Hostienzangen, Beschreibungen zu Sicherheitsabständen (wie deutet man die Unterschiede zwischen bischöflichen Anordnungen und Landesgesetzen?) sowie dem Leeren von Flüssigseife-Behältern für Desinfektionsmittel hektoliterweise. Dazwischen x Anrufe, um Fragen zu beantworten, für die wir oft selber keine Antwort haben, Sorgen zu hören, Ärger zu beschwichtigen, Mut zu machen und Übermut zu bremsen. Und ist man mit einer Sache tatsächlich fertig, kommt die nächste Anordnung. In den meisten Kirchen ist die Ausbeute der besetzbaren Plätze für künftige Gottesdienstbesucher erschreckend gering. Ist mir als Pfarrer unter diesen Umständen noch nach Eucharistie-Feiern zumute, wenn ich weiß, dass Dreiviertel der üblichen Kirchgänger von vornherein ausgeschlossen sind? Und dann weiß ja keiner, wie lange diese strengen Auflagen dauern werden – die so manche unserer ehrenamtlichen Vorsitzenden schlaflose Nächte kosten, weil sie das erforderliche Schutzkonzept für ihre Kirche im Ort mit ihrer Unterschrift persönlich verantworten sollen. Ein paar Wochen? Monate? Bis nach Weihnachten? Die „Zeit nach Corona“ gibt es halt so nicht, wie es die Zeit nach meinem jährlichen Heuschnupfen gibt. Heute ist 8. Mai. 75 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs. 75 Jahre seit Deutschlands Kapitulation – bzw., wie es Brandstifter Gauland zu sagen pflegt: seit Deutschlands „absoluter Niederlage“. Müssten wir nicht sagen: 75 Jahre seit dem Ende der absoluten Niederlage? Der absoluten moralischen Niederlage eines Systems, das „im Namen des Deutschen Volkes“ Abermillionen unschuldiger Menschen Verderben und Vernichtung gebracht hat, zum Schluss und im Nachklapp von Flucht und Vertreibung wie ein Bumerang auch dem „eigenen Volk“? Die Allgegenwart der Corona-Krise wird wohl, trotz all ihrer unabsehbaren wirtschaftlichen und sozialen Folgen und ihrer menschlichen Tragödien, v.a. in Krankenhäusern und Pflegeheimen, schon in zehn Jahren keiner mehr zu vergleichen wagen mit der unfassbaren, menschengemachten Katastrophe von Nazi-Terror, Stalinismus und Weltkrieg. Ich denke an die unzähligen Juden oder polnischen Katholiken in den KZs, die kurz vor dem 8. Mai befreit worden sind. Monate, ja Jahre Hunger und Prügel. Monate, ja Jahre der Einsamkeit und der Trennung von ihren Familien. Monate, ja Jahre der Demütigung und Entwürdigung, ob im Steinbruch oder im Massenquartier. Monate, ja Jahre vollkommener Verzweiflung und der Frage: WO BIST DU, GOTT? Absolute Niederlage. Wie muss es diesen Menschen gegangen sein – nach ihrer Befreiung! Für viele blieb Gott verschwunden, ihr Leben lang. Die anderen mussten ihren Glauben neu erfinden. Um ihn zu retten! Ist das die Antwort für uns, die wir meinen, neun Wochen ohne Messe seien der Weltuntergang? Ich befürchte: die Corona-Krise hält uns ganz schön den Spiegel vor: Du, was glaubst du? Was glaubst du eigentlich wirklich? Was lebt in dir, jenseits deiner unhinterfragbaren, frommen Gewohnheiten, die so ungefragt einfach abgestellt worden sind? Wie glaubst du weiter? „Neun Wochen ohne“: absolute Niederlage? Oder gar: Befreiung – damit Gott wieder etwas mit mir anfangen kann?

In froher Erwartung – Ihr Pfarrer Ulrich Skobowsky