Die gute Hirtin

Gedanken von Pfarrer Ulrich Skobowsky

Wer sich im Rottenburger Priesterseminar, dem ehemaligen Karmeliterkloster der heutigen Bischofsstadt, die wunderbaren barocken Stuckdecken anschaut, die oder der wird spätestens an einer bestimmten Stelle noch einmal genauer hinschauen: ein ländliches Idyll mit Schafen und – einer „guten Hirtin“! Ja sowas! Es war ausdrücklich unser Regens, also der Ausbildungsleiter, der uns auf diese Besonderheit aufmerksam gemacht hat. Um unsere Herzen zu weiten und uns die Augen zu schärfen: was der Künstler sich damals gedacht hat, hat heute nicht weniger Bedeutung. Die gute Hirtin. Gerade der deutsche Südwesten war schon vor über 200 Jahren seiner Zeit immer wieder deutlich voraus, in einer Unerschrockenheit und Kreativität, von der wir heute im innerkirchlichen Reformstau samt seiner ständigen Verweise auf die angeblich unverrückbare „Tradition“ nur träumen können. Denken wir an den großen Ökumeniker von Weltrang, Prof. Johann Adam Möhler aus Igersheim. Oder an die lebhaften Zölibatsdiskussionen schon um 1830. Oder etwa an die wunderbaren Wessenberg-Psalmen aus dem Konstanzer Gesangbuch hinten im Gotteslob (z.B. GL 767, 848, 919), deren einprägsames deutsches Versmaß Anfang des 19. Jahrhunderts für das „einfache Kirchenvolk“ eine unersetzliche Ergänzung und Veranschaulichung der lateinischen Liturgie gewesen ist. Damit sie dabei sein konnten mit Herz und Verstand. Die gute Hirtin. Der „Tag der Diakonin“ am heutigen Festtag der heiligen Kirchenlehrerin Katharina von Siena macht wieder einmal deutlich, wie lange es schon dauert, dass (Kirchen)-Männer genau wissen und entscheiden, was Frauen können und dürfen und was nicht. Und die Herde grast munter weiter (solange das eigene Futter noch reicht), während die Hirten immer weniger werden und ihre Schafe immer weniger kennen (die, die noch da sind). Wenn am Wochenende 9./10. Mai tatsächlich wieder Gottesdienste stattfinden dürfen, dann wären diese Gedanken zum Sonntag womöglich der letzte meiner „Hirtenbriefe“, mit denen ich in den letzten Wochen versucht habe, wenigstens in Gedanken und im Herzen Kontakt zu halten zu den vielen, die ich solange schon vermisse. Und wir stehen ausgerechnet an dem Punkt, wo das Evangelium dem kommenden „Guthirten-Sonntag“ seinen Namen gibt (Johannes 10, 1-10). Jesus sagt: „ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ In all den Wochen der Coronakrise staune ich, was in unseren Gemeinden „von selber“ lebt oder gewachsen ist: Der wunderbare Kirchenschmuck, auch wenn dort gar keine Gottesdienste stattfinden. Das Beten und Feiern zu Hause in den Familien – oft zu gemeinsamen Zeiten. Die bunten Ideen und Aktionen der Sorge füreinander, besonders für die Alleinstehenden, Bedürftigen, „egal mit welchem Gesangbuch“. Gewollt oder ungewollt, bewusst oder unbewusst sind da viele zu guten Hirtinnen und Hirten geworden. Ganz selbstverständlich und uneigennützig. Und leben das, was seit der Würzburger Synode der Deutschen Bistümer (1971-75) besonders auch in unserem Bistum einen Namen hat: „Die Gemeinde ist Trägerin der Seelsorge“. Die Gemeinde. Du und ich. Und nicht „der Herr Pfarrer“ oder „die von der Kirch‘…“. Das stimmt mich als Pfarrer froh und mutig. „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Jesus war nie Alleinunterhalter. Er will Menschen auf Augenhöhe und schickt seine Jünger, schickt uns, Frauen, Männer, Jugendliche, Kinder, mitten unter die Menschen. Im Handgepäck das, was wir begriffen haben; besser: was uns ergriffen hat, im Glauben, in der Hoffnung, in der Liebe. Es geht nicht um das „wie viel“, es geht um das „dass“, es geht um uns, um „Leben in Fülle“. Egal, wer vorne steht.

In herzlicher Verbundenheit

Ihr Pfarrer Ulrich Skobowsky