„Endlich rum?“

Gedanken zum Karfreitag von Pfarrer Ulrich Skobowsky

Wieder ein Lebenszeichen von mir, diesmal aus der häuslichen Quarantäne (Corona-Fall im Carolinum)! Diese endet für mich ausgerechnet in der Osternacht! Ein persönlicher Wink von oben? Eines von jenen ersehnten Zeichen, auf die viele von uns in diesen Tagen warten, im Kleinen wie im Großen? Endlich rum? Wo wir ja immer noch gar nicht wissen, wie lange noch. Und wie es danach weitergeht. Wirtschaftlich, im gemeinsamen Miteinander unserer Gesellschaft – und auch in unserer Kirche, unserer Gemeinde, unseren Gottesdiensten. Schon gibt es Stimmen unter den Kirchgängern: So ein „Sonntag ohne“ ist sooo schlecht gar nicht…!

Wohlverstanden: das muss überhaupt nicht heißen, dass die vertrauten Gottesdienste unwichtig geworden sind. Eher so: die Zwangspause zwingt früher oder später zum Nachdenken. Ehrlich: was ist denn wirklich wichtig? In meinem Leben? In meiner Woche? Heute? Wo fühle ich mich verstanden, in meinen Fragen, in meinen Abgründen, in meiner Angst, in meinem Alleinsein (das kann es auch geben, wenn ich gar nicht allein lebe)? Was gibt mir Ruhe und Halt, das innere Licht, die Freude ganz tief unten? Was stillt meinen Hunger nach Sinn, der im gnadenlos ausgebremsten Hamsterrad meiner Gewohnheiten und Zwänge plötzlich zum Vorschein kommt, ungefragt! Und Raum hat und eine Antwort will! Antwort jetzt – und nicht irgendwann wieder, nach dem 19. April oder dem 15. Juni oder weiß der Geier wann. Und: Antwort für mich persönlich – und nicht irgendetwas Allgemeines, Vorgesetztes.

Die Kirchenräume sind leer. Umso voller die Sinn-Räume im Netz. Wie die Frühlingsblumen sprießen geistliche Angebote Einzelner oder von Gruppen, Gemeinschaften, Gemeinden. Das Surfen im Internet wird zur Schatzsuche. Und ich selber bin dankbar für die „Exerzitien im Alltag“, ermöglicht per Mausklick von der „Seelsorge für Hauptamtliche in unserer Diözese“. Sie geben mir Luft, zwischen dutzenden Mails und Telefonaten. Luft zum Atmen. Zum Aufatmen, ja: zum Ausatmen. Hunger nach Sinn. Hunger. Wenn ich genießen will, darf der Magen nicht voll sein! Eine Binsenweisheit. Stichwort „Fasten-Zeit“. Morgen ist ihr Höhepunkt: Karfreitag.

Ach ja, Karfreitag. Mir wird es ganz flau, wenn ich daran denke: an die wunderbaren Riten und Gesänge, das gemeinsame Singen, Beten, Trauern, Schweigen. Dieses Jahr bleibt es wohl beim Schweigen.

Die Gedanken gehen zurück. Schon vor Jahren gab es in unserem Team die Diskussion, ob wir in der Karfreitagsliturgie eine Kommunionfeier machen –

oder nicht. Also: kurz vor dem offenen Ende dieses so anderen Gottesdienstes doch noch der Gang zum Tabernakel, um das hungernde Volk zu speisen. Hauptsache die Hostie bekommen, dann tut er gleich nicht mehr so weh, der Karfreitag? Ende gut, alles gut! Ganz offiziell übrigens, so steht’s im Messbuch. Bloß schnell wieder zurück zur Tagesordnung, zum Gewohnten! Wirklich? Ist das unsere Antwort auf das, was die Passionsgeschichte uns zumutet? Die Antwort auf das Leiden Jesu, für mich? Das kam mir immer schon quer, seit ich darüber nachdenke: die nachgeschobene Kommunion. Ein Karfreitag, der nicht wehtut, ist für mich keiner – wenn ich nicht schon total abgebrüht sein will im Glauben! Glaube ohne Hunger ist so tot wie eine Liebe ohne Sehnsucht; Glaube ohne Hunger – ohne ihn zu spüren und ihn auszuhalten, den Hunger nach Jesus. Und selbst die schönste Liturgie wird zum Selbstbedienungsladen, wenn es mir am Schluss doch nur „um das eine“ geht: Hand ausstrecken, fertig. „Endlich rum!“ Das waren unsere Gedanken damals.

Und jetzt? Da fährt uns, gerade uns Katholiken, die Corona-Krise brutal in die Parade. Wochenlang dauert er nun schon und nimmt kein Ende. Der Hunger nach dem einen Brot. Der Hunger nach den anderen. Dieser scheinbar endlose Karfreitag. Ohne Kommunion, ganz und gar. Aber: nicht ohne „Gemeinschaft“ (was „Kommunion“ auf Deutsch heißt)! Ich spüre es, tief in mir, trotzig, selbstbewusst, und mit einem Lächeln der Erinnerung auf den Lippen:

Ja, wir SIND Gemeinschaft! Im Schweigen, im Trauern, im Hoffen, auch wenn wir uns nicht sehen! Gemeinschaft, die gewachsen ist in all den Jahren. Und weiterwächst. Die krisenerprobt ist. Gemeinsam gehen wir jetzt da durch! Auch durch diesen Karfreitag, durch Hunger und Tränen hindurch – Ostern entgegen! Uns sind die Hände gebunden. Das stimmt. Wenn es Ostern geben soll: diesmal muss ein Anderer ran! Diesmal organisiert es ein Anderer, das Fest des Lebens. SEIN Fest. Auf seine Weise. Auferstehung: für uns.

In herzlicher Verbundenheit

Euer Pfarrer Ulrich Skobowsky