"Ihr fehlt mir!"

(vor)österliche Gedanken von Pfarrer Ulrich Skobowsky

Liebe Leute in unseren L.A.M.M.-Gemeinden!

Wir sind mittlerweile in der dritten Corona-Krisenwoche. Und bei all den Horrorzahlen von Kranken und Sterbenden; bei aller Erschöpfung der Ärzte und Pflegekräfte, die Heldenhaftes leisten an der Grenze des Vorstellbaren; bei all den Verschärfungen der Vorsichtsmaßnahmen, die auch vielen von uns an die Nieren gehen, den Jungen wie den Alten – heißt das für mich ganz persönlich auch: wir sind in der dritten Woche ohne Gemeindegottesdienste. Ich möchte Euch sagen, wie sehr Ihr mir fehlt. Und da spreche ich wohl für alle Ehrenamtlichen, Hauptamtlichen, Priester, die in unserer Gemeinde Gottesdienste vorbereiten und begleiten. Mir fehlt der vertraute Austausch mit den Mesnern. Das Bild der treuen Werktagsgemeinde. Mir fehlt die Gemeinschaft am Sonntag, die Menschen, die mitbeten, mitsingen. Der Klang der Orgel. Die Minis vorne und die Kinder in den Bänken. Auch die Zwischentöne der ganz Kleinen, die auf ihre Weise den Gottesdienst mitgestalten. Mir fehlt der Friedensgruß. Die Atmosphäre bei der Kommunion. Die Vermeldungen, die natürlich immer zu lang sind. Und schließlich, draußen, nach dem Gottesdienst, das persönliche Wort, ob Kritik oder Dank, das Zusammenstehen, die Münsterbauhütte. Alles weit weg. Stillstand. Stattdessen von morgens bis abends: Organisation. Ständig neue Mails mit Anordnungen, Empfehlungen von oben. Wie handhaben wir es vor Ort? Haben wir an alle gedacht? Schließlich das Telefon. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel telefoniert wie in diesen Tagen. Informationen weitergeben. Und – weil es derzeit kaum Sitzungen gibt – ganz bewusst fragen: Wie geht es dir? Wie oft am Tag diese eine Frage! Die Antworten kosten Zeit und Kraft – und schaffen Verbindung. Wir sitzen alle im selben Boot… Nach einem Einsatz verlasse ich frühmorgens das Caritas über die Notfallaufnahme, die Gänge (noch) wie ausgestorben, Besucher sind derzeit sowieso verboten. Ein letztes Mal die Hände desinfizieren! Und bleibe draußen stehen. Und lausche: dem unbändigen Konzert der Vögel zum Sonnenaufgang. Die Natur überbietet sich geradezu damit, uns die trüben Gedanken zu vertreiben – wo doch noch vor wenigen Wochen alles kahl und leblos war: „Siehe, nun mache ich etwas Neues. Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?“ So ruft uns der Prophet Jesaja entgegen (Jes 43, 19). In einem Stundenbuch-Lied zur Fastenzeit heißt es: „Zeichen schauen wir nun, Irdisches wird zum Bilde hier; denn das kreisende Jahr lässt nach des Winters Frost und Nacht den Frühling die Erde für Ostern bereiten.“ Ostern! Wo Kirchen leer bleiben müssen und Orgeln schweigen, springt die Natur in die Bresche, besingen die Vögel das aufgehende Licht. Mögen die Gottesdienste bis nach Ostern „abgesetzt“ sein – Auferstehung lässt sich nicht absetzen! Ostern findet dort statt, wo wir betrauern, was uns fehlt, und dann die Augen aufmachen für das, was da ist. Wo wir dem Winter in uns beherzt die Grenzen aufzeigen und dem Frühling Recht geben. Mit einem ehrlichen Lächeln. Mit einem offenen Ohr. Mit einem guten Wort. Dann wird auch das schlichteste Lied, das mir aus der Seele spricht, zum mächtigen Exsultet. Dann wird mein kleines Licht, das ich ins Fenster stelle, zur Osterkerze inmitten aller Dunkelheit: „O wahrhaft selige Nacht, die Himmel und Erde versöhnt, die Gott und Menschen verbindet… Sie leuchte, bis der Morgenstern erscheint, jener wahre Morgenstern, der in Ewigkeit nicht untergeht.“

In herzlicher Verbundenheit

Euer Pfarrer Ulrich Skobowsky