Nichts ist mehr wie vorher …

Gedanken von Pfarrer Ulrich Skobowsky

Gestern in aller Herrgottsfrühe reißt es mich aus dem Schlaf. O je: mir wird klar, wen ich an Ostern versetzt habe. Wie konnte ich die nur vergessen! An Einschlafen ist nicht mehr zu denken. Ich bin wirklich nicht zwanghaft. Bei der großen Verwandtschaft, dem wachsenden Freundeskreis von den bisherigen Lebensstationen her – und hier den Kolleginnen und Kollegen; all jenen, für die ich auf verschiedenen Ebenen Verantwortung trage, ganz zu schweigen von den Menschen in den neun Gemeinden, mit denen ich in dieser Zeit als Pfarrer unterwegs bin. Wie soll man da allen gerecht werden! Hilft alles nichts – auch das beste Argument fühlt sich nur an wie eine billige Ausrede, wie eine typische Selbstbeschwichtigung, wenn der Fehler offensichtlich ist. Die Vergessenen jedenfalls hatten auf meinen Anruf gewartet, hätten ihn bitter nötig gehabt in ihrer momentanen Situation. Zu spät. Und jetzt? Die Grenze zwischen echten Schuldgefühlen und selbstzerstörerischen Schuldfantasien ist mitunter fließend. Wie muss es erst den Jüngern gegangen sein damals! Emotional die reinste Achterbahn. Erst vollmundige Treueschwüre („und wenn ich mit dir sterben müsste…“) und das Befremden angesichts der Fußwaschung. Das blanke Entsetzen über Jesu Worte („einer von euch wird mich verraten“) und die entlarvende Feigheit am Ölberg wie am Kohlenfeuer. Das Fehlen unterm Kreuz und die Lähmung im Abendmahlssaal. Der Schock über das leere Grab und das hilflose Staunen über die Erscheinungen des Auferstandenen. Zu viel ist zu viel! Wie soll das einer begreifen, einer fassen! Was passiert ist, ja: was ihnen passiert ist, ihnen höchstpersönlich, ist jedenfalls nicht wieder gut zu machen. Das ist jedem von ihnen klar. Eine „Löschen“-Taste wie beim Computer gibt es halt nicht im Leben. Da hilft nur die Flucht zurück in die Zeit „davor“: Galiläa. Das macht Sinn. Hier sind sie zu Hause. Hier kennen sie sich aus. Hier fühlen sie sich sicher, abgesehen von dem Getuschel und Kopfschütteln ihrer Nachbarn, die sich ihren Teil denken über das grandios gescheiterte Abenteuer mit diesem Jesus von Nazareth. Egal! Auf dem Wasser, beim Fischen, bekommt man einen klaren Kopf – und ist doch gleich wieder drin in den großen und kleinen Alltagssorgen: Nichts gefangen! Doch da: Einer ruft! Einer schickt sie hinaus! Einer wartet auf sie am Ufer und bricht ihnen das Brot! Was da ganz hinten im Johannes-Evangelium erzählt wird, ist nicht das Ende, sondern der Anfang: die Berufung der Jünger. Wie bitte? Eine Liebesgeschichte. Als Beispiel, wie Erlösung geht in den Augen Gottes. Nicht die „Spritze“, die allem Leiden ein Ende macht, sondern die Tür, die aufgeht. Vergebung. Und: Berufung! Ich bin gemeint, mit meiner Geschichte, mit meinen Sünden, mit meinem Scheitern, mit meinem Potential. Darauf baut Jesus seine Freundschaft. Darauf baut Jesus seinen Traum von einer neuen Welt. Meine Talente reichen ihm, das zeigen die vollen Netze. Und meine Grenzen hindern ihn nicht daran, denn sie sind mein Profil, das mich verwundbar macht und unverwechselbar. Als Petrus die Worte des Lieblingsjüngers hört „Es ist der Herr!“, hält ihn nichts zurück. Er springt ins kalte Wasser. Und geht nicht mehr unter wie damals, in jener stürmischen Nacht auf dem See. „Nichts ist mehr wie vorher…“ – diese Erkenntnis, die den Jüngern damals wohl genauso Angst gemacht hatte wie heute den Menschen angesichts der „Zukunft nach (oder mit?) Corona“; diese Erkenntnis erweist sich als radikale Zu-Mutung: Da ist Einer, der uns den Mut zutraut, das Leben neu anzugehen. Heute. Jetzt. Hier. Ich. Neues Leben! Er trägt mir das Alte nicht nach. Dann will auch ich nicht daran kleben.

23. April 2020, am Fest des Heiligen Georg

Ihr Pfarrer Ulrich Skobowsky