Thomas – der Ungläubige begegnet dem Auferstandenen

Gedanken von Pfarrer Ulrich Skobowsky

Für die meisten unserer Zeitgenossen ist Ostern rum. Weg mit der Deko! Und die Restbestände an Schokohasen und anderen hochkaloriösen Gaumenfreuden sind zum halben Preis zu haben. Mit den Heiligen Tagen fällt freilich auch der Weiße Sonntag flach (Tränen gibt es deswegen auch in meiner eigenen Familie), bei dem die Kommunionkinder immerhin einen, wenigstens zeitlichen, Zusammenhang erkennen könnten zwischen ihrem „ersten Ma(h)l“ und dem Letzten Abendmahl. „Ostern rum“ – von wegen! In den Osterevangelien geht es eigentlich erst richtig los! Wieso? Nun: keiner der Jüngerinnen und Jünger ist ja im eigentlichen Sinne „Auferstehungszeuge“. Keiner war dabei – damals wie heute. Darüber kann auch die Geschichte vom Erdbeben, wie wir es bei Matthäus nachlesen können, nicht hinwegtäuschen. Vielmehr geht es um nicht mehr und nicht weniger als um Begegnungen mit dem Auferstandenen. Irgendwie sind all die entsprechenden Geschichten sehr speziell, sehr persönlich, sehr offen und vage: Maria Magdalena am Grab, die Frauen unterwegs, die Emmaus-Jünger, die Frauen und Männer im Abendmahlssaal, schließlich Thomas. Keine Begegnung gleicht der anderen. Und – merkwürdig: nie ist es ein offensichtliches, ungetrübtes Hurra, und alles wieder gut! Jede Begegnung wird zu einem Ringen, einem inneren und äußerlichen Kampf zwischen Herz und Verstand, zwischen Zweifel und Glauben, zwischen Abhaken, wieder Hoffen und wirklich Erkennen, zwischen Festhalten und Loslassen. Es braucht geschlagene 50 Tage, bis den Weggefährten Jesu „nachhaltig“ etwas aufgeht. Ja: bis die Türen aufgehen, buchstäblich! Interessant dabei: nur einer der Jünger wird seines Zweifelns wegen als ungläubig bezeichnet – Thomas, der Patron ausgerechnet des Sonntags direkt nach Ostern. Ungläubig! Das ist unfair, finde ich. Nicht nur, weil der Gebrauch dieses Wortes „ungläubig“ über Jahrtausende zu so viel Blutvergießen geführt hat durch die Kinder Abrahams (und zu so viel frommer Ignoranz und Intoleranz bis heute). Nein, auch weil durch dieses Vor-Urteil die Thomas-Geschichte einseitig verzerrt wird; und nebenbei die anderen Jünger fein raus sind, die sich doch kein bisschen leichter tun mit dem Auferstehungsglauben! Zwei Merk-Male werden für mich zum Schlüssel, um zu begreifen – auch mich selbst. Das eine: die verschlossenen Türen der Jünger. War es das, was Thomas gehindert hat, an das Wunder des Lebens zu glauben? Verschlossene Türen? Wie schmerzhaft und wie aktuell zugleich! Kontaktsperre zwischen den Leuten in den Krankenhäusern oder Pflegeheimen und ihren Angehörigen. Pfarrbüro zu. Gottesdienste fallen immer noch aus. Das tut weh. Das geht an die Substanz. Ja, wo mache ich am Ende selber „dicht“? Jesus kommt zu den Jüngern, obwohl die Türen ausdrücklich zu sind! Für uns – als Glaubende, Zweifelnde, Hoffende – am Ende der Ansporn, andere Wege zu suchen, um zueinander zu kommen, um einander nahe zu sein, um Ihm nahe zu sein?

Ich träume von einer Gemeinde, in der niemand durchs Raster fällt, weil wenigstens eine/einer anruft oder klingelt und fragt: wie geht es dir! Eigentlich nicht nur in Corona-Notzeiten, sondern grundsätzlich. Die verschlossenen Türen. Und das andere Merk-Mal der Thomas-Geschichte: an den Wunden erkennt Jesus den Auferstandenen! Ob Thomas dann die Einladung Jesu wirklich annimmt und seinen Finger in Jesu Wunden legt, bleibt offen. Offensichtlich ist freilich das Umgekehrte: der Auferstandene legt damit „seinen Finger“ genau in die Wunde – des Thomas, der Jünger, ja in meine eigenen. Er stellt sie nicht bloß. Er deckt sie nicht auf. Das muss ich schon selber tun, damit Er sie heilen kann (wenn ich will). Was sind meine Wunden? Huch! Ist das überhaupt eine Frage für mich? (Wo) fühle ich mich schuldig? In diesen Tagen – oder schon so lange, und habe nicht die Kraft, nicht den Nerv, nicht den Anlass, die Gelegenheit, an die Sache endlich ranzugehen? „Durch Seine Wunden sind wir geheilt!“ weissagt schon der Prophet Jesaja (53, 5). Jesus zahlt einen hohen Preis. Den ganzen, nicht den halben wie bei den Osterhasen. Vielleicht eine meiner Hauptlektionen in Corona-Zeiten: Ihm meine Wunden wortlos hinzustrecken. Oder doch eher hin zu schreien? Wie Er am Kreuz. „Warum hast du mich verlassen!“ Und dann: „Aber du bist heilig!“ Beides steht so hintereinander im Psalm 22. Er will mein Heil. Auch wenn ich nicht verstehe. Nichts fühle. Fürs erste nicht glaube. Wie der Thomas. Heil – was wäre das für mich? Ganz konkret? Für mich ein Geschenk, dass mir meine Eltern bei der Taufe den (sonst unsichtbaren) Erstnamen Thomas gegeben haben. Auch mein Nachfolger: ein Thomas. Ein guter Grund, miteinander dranzubleiben an beidem. An den wunden Punkten und den verschlossenen Türen.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr Pfarrer Thomas Ulrich Skobowsky